Beginn Inhaltsbereich

Beginn Navigator

Ende Navigator

Drucken     


Die 18 Kernsätze

Das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) weist wegen der grossen Zahl der Objekte einen relativ hohen Abstraktionsgrad auf und ist in den technischen Abkürzungen nicht leicht verständlich. Für alle Aufnahmen aber gelten die nachstehenden einfachen Grundprinzipien. Sie bilden die Grundlage von Vorgehen, Auswahl und sowie Inhalt der Bestandsaufnahme und bestimmen ihre Bewertung und ihre Grenzen.

1. Für alle Kantone sind gleichartige Grundlagen zu benutzen.
Die Inventarisierung hat sich primär auf gesamtschweizerische Literatur (z. B. Kunstführer, Kunstdenkmäler usw.), Kartenwerke (Siegfried-, Landeskarten) und Planunterlagen (im Massstab 1:5000) abzustützen. Einzelne bessere Ortspläne in anderem Massstab dürfen deshalb nicht verwendet werden. Die Plansammlung kann auch ausserhalb des Bundesinventars dem Vergleich von Bebauungsmustern ähnlich grosser Dörfer in verschiedenen Regionen dienen.

2. Grundlagen und Vorgaben, die sich kurzfristig verändern, können nicht berücksichtigt werden.
Auf Zonenpläne beispielsweise wird bei der Inventarisierung nicht reagiert; unterschiedlicher Stand und Gültigkeitsdauer sowie verschiedene kantonale Gesetzgebungen würden das gesamtschweizerische Bild verfälschen. Vor der Publikation der Ortsbilder von nationaler Bedeutung werden jedoch Lokalliteratur und Einzelbauinventare konsultiert.

3. Um Streusiedlungen, Hofgruppen und Kleinstorte kümmert sich das ISOS nur beschränkt.
Inventarisiert werden in der Regel lediglich Orte, die gegen Ende des 19. Jh. über mehr als zehn Bauten verfügten (auf Siegfriedkarte, Erstausgabe). Benachteiligt sind dadurch wertvolle Einzelhöfe und Hofgruppen in den bergigen Kantonen. Ihre Inventarisierung hätte das Unternehmen um ein Mehrfaches erweitert (Ausnahmen erfolgen bei besonders wertvolle Anlagen – der «Spezialfall» –, deren empfindliche Umgebung nur durch das ISOS erfasst werden kann).

4. Maiensässe und Alpsiedlungen werden vernachlässigt.
Das ISOS erfasst ausschliesslich Dauersiedlungen. Temporärsiedlungen oder jene Orte, die einst bewohnt waren und heute verlassen sind, werden im Bundesinventar nicht berücksichtigt, obwohl in einigen Regionen der wertvollste Baubestand ausserhalb der ständig bewohnten Siedlungen liegt (Maiensässe und Alpen im Wallis und Tessin, in Graubünden usw.).

5. Nutzungsmässige Gesichtspunkte und andere Aspekte werden vernachlässigt.
Eingang ins Inventar finden funktionelle, ökonomische und soziale Faktoren nur dann, wenn sie baulich das Siedlungsbild massgebend geprägt haben und noch heute ablesbar sind.

6. Die Inventarisierung stützt sich auf morphologische, räumliche und architekturhistorische Beurteilungskriterien.
Mit ihrer Hilfe, in je nach Siedlungstyp unterschiedlicher Gewichtung, wird in der Aufnahmephase das Ortsganze in Ortsteile aufgeschlüsselt. Wegen der grossen Zahl an zu inventarisierenden Ortsbildern kann das ISOS nur die äusseren Merkmale der Bebauung erfassen und bewerten: Kein Haus wird betreten.

7. Ortskerne und Quartiere aus unterschiedlichster Entstehungszeit, Strassenachsen und Plätze werden als Ganzheit erfasst.
Durch die Eingrenzung in einzelne Gebiete und Baugruppen, verbaute und unverbaute Umgebungen zeigt das ISOS eine neue Lesart der Orte.

8. Die Inventarisierung beschränkt sich nicht auf das Gebaute.
Grünräume, Parkanlagen mit jahrhundertealtem Baumbestand und Baumalleen in grösseren Orten; Gärten und Vorgärtchen in den Dörfern und Weilern sind wesentlich für den räumlichen Zusammenhang innerhalb der Siedlung.

9. Weil die Quartiere als Ganzheit betrachtet werden, können einzelne Bauten von der Gesamtbeurteilung des Ortsteils abweichen.
Unterscheidet sich ein Bau in der Qualität allzu stark von der Gesamtbewertung, wird er gesondert vermerkt: als Störfaktor, Hinweis oder als schützenswertes Einzelelement.

10. Nicht jeder schützenswerte Einzelbau erscheint im Ortsinventar.
Kunst- oder architekturhistorisch wertvolle Denkmäler werden im ISOS nur ausgezeichnet, wenn sie im Quartier einen besonderen Stellenwert haben. Unterschiede zu kantonalen und lokalen Inventaren sind wegen mangelnder Dominanz des Einzelbaus nachvollzieh- und begründbar.

11. Auch weniger bedeutende Quartiere und unspektakuläre Landschaften werden erfasst.
Das ISOS sieht die Siedlung im Zusammenhang mit der Landschaft und berücksichtigt deshalb auch bescheidene Ortsteile und teilweise verbaute Umgebungen.

12. Das ISOS gibt Empfehlungen für die zukünftige Ortsentwicklung ab.
Generelle und spezielle Erhaltungshinweise zeigen Behörden und Planenden, welche Aspekte in Quartieren und Grünräumen aufgrund ihres besonderen Wertes höchste Aufmerksamkeit verdienen oder welche Ortsteile aus Sicht von Ortsbildschutz und -pflege nach verbessernden Massnahmen verlangen.

13. Für die nationale Bedeutung der Ortschaft sind topografische, räumliche und architekturhistorische Qualitäten ausschlaggebend.
Bei der Bewertung zählen Lage und Verbauungsgrad der Nahumgebung, Art und Qualität der Raumbildung, beispielsweise als einheitliches oder kontrastreiches, als dichtes oder lockeres Bautengefüge. Ausschlaggebend sind Ursprünglichkeit und Erhaltungszustand der Bebauung, unabhängig von der Entstehungszeit.

14. Das Ortsganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Nicht nur der Eigenwert der Ortsteile bestimmt die Qualität des Orts, sondern auch auf welche Weise die Quartiere und Grünanlagen miteinander räumlich und historisch zusammenhängen.

15. Die heutige Ortsgestalt zählt mehr als die Geschichte.
Die historischen Orts- und Quartiergrenzen sind oft durch neuere Bauten verschliffen. Das ISOS stellt in erster Linie auf das heutige Erscheinungsbild (und damit auf die Wahrnehmungstheorie) ab.

16. Bei kleinen Orten wird die unverbaute Umgebung als besondere Qualität veranschlagt.
Nicht die Bauten allein machen den Wert eines Dorfs oder eines Weilers aus, sondern auch der Obstbaumkranz, die Wiesen und Weiden, welche die Siedlung umgeben. Bebauung und unmittelbarer Umraum, Nah- und Fernumgebung müssen gemeinsam betrachtet werden.

17. Bei grossen Orten zählen die klar ablesbaren Wachstumsphasen der Siedlungsentwicklung.
Quartiere aus unterschiedlichen Zeiten erhöhen den Wert eines Orts, wenn sie nebeneinander liegen, klar fassbar und in einer räumlichen Abfolge erlebbar sind und wenn sie die historische Entwicklung des Orts illustrieren.

18. Die Bewertung darf nicht durch lokale Anliegen beeinflusst werden.
Politische Aspekte – beispielsweise die Durchführbarkeit von Schutzempfehlungen – sollen weder die Bestandsaufnahme noch die Bewertung beeinflussen: Ein Ortsbildinventar ist weder eine Ortsplanung noch eine Schutzverfügung.


Zuletzt aktualisiert am: 31.12.2013

Ende Inhaltsbereich

Volltextsuche



http://www.bak.admin.ch/isos/03188/03196/index.html?lang=de