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Ortsbild des Monats Februar 2004: Diesbach GL

Das Ortsbild des Monats Februar ist eine stark gekürzte Version der Aufnahme aus dem ISOS-Band Glarus von 1992/93, welche neu als pdf erhältlich ist.

Diesbach, Gemeinde Diesbach, Dorf von nationaler Bedeutung im Kanton Glarus

Siegfriedkarte von 1877Landeskarte von 1985Das "Dörfli"Das "Dörfli"Der ehemalige Weiler DornhausDas 19.-Jahrhundert-DorfDas 19.-Jahrhundert-DorfDer FabrikkomplexUmgebungenUmgebungen


Dank Wasserkraft vom kleinen Bauernweiler zum Industriedorf    
Der im frühen 14. Jahrhundert urkundlich belegte Ortsname entspricht dem des Baches. Der entwässert das Diestal und fliesst der Linth zu. "Diezen" bedeutet im Mittelhochdeutschen "tosen" und bezieht sich auf die zwei Wasserfälle oberhalb des Dorfes. Thomas Legler, der Held an der Beresina, kam in dem zur Gemeinde Diesbach gehörigen Dornhaus zur Welt. Hier wohnte auch der Handelsherr Adam Schiesser, einer der reichsten Glarner seiner Zeit.

Die wirtschaftliche Situation vom 17. bis ins 19. Jahrhundert zwang viele Diesbacher auszuwandern. Erst die 1834 eingeführte Handweberei und die Fabrikproduktion ab dem Jahr 1857 verbesserten die Situation - dennoch hatte Diesbach bis zum Jahrhundertende die höchste Auswanderungsquote aller Glarner Gemeinden. Die neugegründete Firma J.& M. Legler erlangte 1857 die Wasserrechte an der Linth und eröffnete eine mechanische Wollweberei mit 200 Webstühlen. Seither sind die Geschicke des Dorfes mit jenen der Firma verknüpft. 1864 wurde dem Betrieb eine Spinnerei angegliedert. Bei der kantonalen Fabrikzählung von 1868/69 arbeiteten bereits 156 Personen im Betrieb, davon 116 weibliche. 1870 dislozierte die Webabteilung in einen Neubau und 1888 nahm die Firma am Diesbachfall das erste Elektrizitätswerk des Kantons in Betrieb; es liefert, 1924 um eine Niederdruckturbine ergänzt, bis heute Strom an Fabrik und Gemeinde. Zu den beiden stattlichen Fabrikantenvillen der Familie von 1867 und 1895 kamen um die Jahrhundertwende dorfseits des Bahndamms ein repräsentatives Verwaltungsgebäude und an die Hauptstrasse zwei Kosthäuser zu stehen. 1910 folgte der Erweiterungsbau der Fabrik. Mit der Schreinerei und der Schlosserei neben dem Bahndamm nahm der Ausbau der Fabrikanlage gegen 1930 ein Ende. Doch bereits 1875 hatte die Familie Legler in Ponte S. Pietro bei Bergamo eine Spinnerei-Weberei gegründet (sie übertraf das Stammhaus bald an Grösse und Produktion).

Mit dem Wandel zum Industriedorf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind einige bedeutende Bauten entstanden. An die von 1843 bis 1847 neu angelegte Talstrasse zwischen Hätzingen und Linthal, welche nun gradlinig Diesbach mit Dornhaus verband, war in die Mitte das Schulhaus zu liegen gekommen (> 3.0.9).

Arbeiterhäuser, zwei Fabrikantenvillen und ein Hotel folgten. Die Station Diesbach-Betschwanden der 1879 eröffneten Bahnlinie Glarus-Linthal kam auf den Boden der Nachbargemeinde zu stehen, was die Entwicklung von Diesbach zum Strassendorf zusätzlich förderte.

Die Bevölkerung erreichte 1888 mit 523 Einwohnern, 290 Bürgern und 233 Niedergelassenen ihren Höchststand, blieb bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit etwas unter 500 Einwohnern relativ konstant und fiel dann als Folge der Krise in der Textilindustrie drastisch ab. Seit dem Tiefstand von 1984 mit 251 Einwohnern nimmt die Bevölkerung durch den Bau neuer Wohnhäuser und den Zuzug Auswärtiger wieder leicht zu. Die Firma Legler, in ihrer Blütezeit ein Betrieb mit zweihundert Angestellten, beschäftigt allerdings nurmehr um die zwanzig Arbeitskräfte.

Der heutige Ort    
Das Dorf gliedert sich deutlich in zwei bäuerliche, auf Schuttkegeln gelegene Siedlungskerne (> 1, > 2) und ein geschlossenes Fabrikensemble im Talboden nahe der Linth (> 0.1). Die Bebauungsachse entlang der Kantonsstrasse (> 3) verbindet alle Teile untereinander.

Das "Dörfli"    
Im baulichen Kern (> 1) stehen die Blockhäuser dicht nebeneinander. Sie richten ihre Giebelfronten gegen Süden, gegen das Tal. Die verwinkelten Gassen und Wege mit Naturbelag, die hinter Mäuerchen verborgenen Gärten mit Übergang in die Hoschet und die vielen Ställe geben dem Ortsteil einen ausgeprägt bergbäuerlichen Charakter. Die Fassaden der Häuser sind verputzt, mit Holz- oder Eternitschindeln verkleidet, zeigen da und dort aber auch die alten Balkenlagen. Ausser entlang der Durchgangsstrasse überrascht der gute Erhaltungszustand von Haupt- und Nebenbauten, von Wegen und Zwischenbereichen. Vom Rand her dringen Matten in die Bebauung vor.

Der Verlauf des traditionellen Kirchwegs für die Einwohner von Adlenbach, Haslen und Hätzingen mitten durch das "Dörfli", ist noch deutlich zu spüren.

Der ehemalige Weiler Dornhaus    
Die Blockhäuser in diesem anderen bäuerlichen Kern (> 2) richten sich auf einen zentralen Freiraum hin aus. Der wird als Gartenland, als Verkehrs- sowie als Parkplatz genutzt und von der ausgebauten Hauptstrasse tangiert. Von diesem früheren Dorfanger aus führen sternförmig schmale Wege zu den dahinterliegenden Häusern, welche Fassaden im regionaltypischen Gemisch von Holzbalken, Verputz, Schindel- und Bretterschirm zeigen. Zwei Mauerbauten, das Haus Sunnezyt, ein Herrensitz mit einer eigentümlichen Kombination von Mansartdach und Schweifgiebel, und das kapellenförmige Spritzenhäuschen heben sich von den umliegenden Holzkonstruktionen ab. Die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts verbreiterte Talstrasse hat den engen Gassenraum in eine breite Verkehrsachse verwandelt. Immerhin gelang es, einen typischen Blockbau des 18. Jahrhunderts - wenn auch etwas zurückverschoben -, als "optische Bremse" für den Verkehr vor dem Abbruch zu bewahren.

Das 19.-Jahrhundert-Dorf    
Zwischen den beiden Siedlungskernen aus vorindustrieller Zeit erstreckt sich eine einachsige Bebauung (> 3) mit mehrheitlich zwei- bis dreigeschossigen Mietshäusern. In diesem zentralen Ortsteil setzen das Schulhaus mit seinem hübschen Uhrtürmchen, die italianisierende Villa Feld und das wohlproportionierte Hotel Diesbach Akzente.

Allerdings hat der Strassenausbau die Vorgärten und seitlichen Zäune dezimiert.

Der Fabrikkomplex    
Die Industrie zwischen Dorf und Linth (> 0.1) liegt wie ein Riegel quer im Tal. Die alten Fabrikgebäude umschliessen im rechten Winkel mit den Nebengebäuden und dem Bahndamm einen Fabrikhof. Auf die Weberei führt geradlinig ein breiter Fabrikkanal zu. Er ist noch in Betrieb, ebenso das Elektrizitäts- und das Heizwerk mit Hochkamin. Das zweigeschossige Verwaltungsgebäude mit Flachdach auf der Dorfseite des Bahndamms wird durch seine repräsentativen, vermutlich von einem italienischen Architekten entworfenen Fassaden vor den bescheideneren Fabrikgebäuden zum Merkpunkt der Anlage.

Die Umgebungen    
Bergseits schliesst an die Bebauung ein sanfter Hang mit verstreuten Heuställen, Obstbäumen und Kleingehölz an. Das fruchtbare Wiesland bildet einerseits die natürliche Umgebung des alten Bauerndorfes, andererseits - zusammen mit dem bewaldeten Berghang und den charakteristischen Wasserfällen - den Ortsbildhintergrund. Zwischen dem Weiler und der Diesbachbrücke steht in einem umzäunten Park die prächtige Villa, die sich Fabrikant Legler durch die Zürcher Architekten Kehrer & Knell entwerfen liess (> 0.0.15).

Der unverbaute Talboden lässt den Blick frei auf die geschlossenen Silhouetten der einzelnen Ortsbildteile: auf die markante Fabrikanlage, auf die Rückfronten der Häuser des ehemaligen Weilers Dornhaus, auf die Strassendorfbebauung des 19.-Jahrhunderts und auf die dichtgedrängten Giebelfronten des bergbäuerlichen "Dörfli".

Wir empfehlen    

  • Das "Dörfli" und die Fabrikanlage Legler sind integral in ihrer Substanz zu schützen, für die anderen Ortsteile empfiehlt sich Strukturerhaltung;
  • Eine besondere Sorgfalt ist auf die Pflege der Kleinelemente in den Zwischenbereichen zu legen, auf Mäuerchen, Zäune, Fusswege, Brunnen usw.;
  • Der reichhaltige Baubestand und die interessante Siedlungsgeschichte würden eine eingehende wissenschaftliche Untersuchung verdienen (Einzelbauinventar, Dorfgeschichte);
  • Neubauten sollen weder am Wieshang im Osten noch auf dem Talboden entstehen, in den anderen Umgebungen muss die klare Ortsgliederung gewahrt bleiben;
  • Im Dorfzentrum (> 3) könnte die Bebauung verdichtet werden.

Wir bewerten

*/          Lagequalitäten
***        Räumliche Qualitäten
***        Architekturhistorische Qualitäten 
    
     
Lagequalitäten
Das Bauern- und Fabrikdorf auf der rechten Talseite des Glarner Hinterlands hat gewisse Lagequalitäten dank der regionaltypischen Situierung der beiden bäuerlichen Ortskerne auf zwei Schuttkegeln, dank der prägnanten Silhouette der Fabrikanlage quer im Tal und dank der weitgehend unverbauten Umgebungen.

Räumliche Qualitäten
Besondere räumliche Qualitäten sind dem eng verwinkelten und gut erhaltenen Dorfkern zuzuschreiben, aber auch dem ganzen Ort durch die spannungsvollen räumlichen Verknüpfungen unter den einzelnen Ortsbildteilen.

Architekturhistorische Qualitäten
Die hohen architekturhistorischen Qualitäten rühren von der gut ablesbaren Siedlungsentwicklung, der überdurchschnittlich grossen Zahl alter Blockhäuser, dem ursprünglichen Erhaltungszustand der Fabrikanlage und deren Bedeutung als Stammhaus des Textilimperiums Legler. Dazu kommen verschiedenartigste bedeutende Einzelbauten: das Leglerhaus, das barocke Sunnezyt, das spätklassizistische Schulhaus, aber auch das einfache Landhotel und die Villen des Historismus usw.

Diesbach hat Zusatzqualitäten und zwar wegen seiner ausgeprägten Typologie als lehrbuchhafte Anlage eines Glarner Dorfes mit zwei vorindustriellen Ortskernen, einem intakten Fabrikensemble und einem 19.-Jahrhundert-Zentrum.

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Weitere Informationen

Typ: PDF
31.10.2011 | 212 kb | PDF
Die Zahlen in der Ortsbeschreibung, z.B. (> 1), beziehen sich auf den Grundplan. Dieser zeigt die Interpretation des Ortes aus dem spezifischen Blickwinkel des Inventars.

Die Fotos stammen aus den Jahren 1974, 1976 und 1992.
Typ: PDF
13.04.2010 | 6427 kb | PDF
Typ: PDF
13.04.2010 | 32 kb | PDF


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