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Burgen und Stadtbefestigung von Bellinzona (2000)


Castelgrande von Bellinzona
Die Stätte besteht aus den drei Burganlagen Castelgrande, Castello di Montebello und Castello di Sasso Corbaro. Castelgrande und Castello di Montebello sind durch Teile der Stadtmauer und der eigentlichen Talsperre, der «Murata», zu einem Ensemble verbunden, während Castello di Sasso Corbaro höher als Einzelbau über der Stadt steht.

Die besondere strategische Lage, die eine Kontrolle der wichtigsten Alpenverbindung nach Norditalien ermöglichte, bestimmte die Entstehung von Bellinzona von Beginn weg. Die Passrouten des Gotthards, San Bernardino, Lukmaniers und Nufenen sowie andere historische Routen laufen in Bellinzona zusammen, um sich später wieder aufzufächern. Die für eine Kontrolle des Tals äusserst geeignete Topografie mit einem Felsrücken auf der einen Seite, der nur einen schmalen Durchgang offen lässt, und der damals unbegehbaren sumpfigen Zone des Flusses Ticino auf der anderen begünstigte die Anlage von Festungen.

Schon im Neolithikum war die Stätte besiedelt; die meisten Funde stammen vom Felshügel des Castelgrande. In römischer Zeit kurz vor Christi wurde auf diesem Hügel ein Kastell errichtet. Im 4. Jh. wurde im Zusammenhang mit der Reichsbefestigung im Norden auf Castelgrande eine grosse Wehranlage gebaut. Archäologische Reste davon sind heute noch vorhanden. Mit dem Ende des weströmischen Reichs fiel Bellinzona zuerst an die Ostgoten, dann unter oströmisch-byzantinischen Einfluss und schliesslich an die Langobarden. Um 800 brannte ein grösserer Teil der Festung ab. Im 10. Jh. wurde Castelgrande im Innern bebaut und glich fortan einer kleinen, befestigten Stadt. Im 11. und 12. Jh., unter den Bischöfen von Como, entstanden auf Castelgrande verschiedene repräsentative Bauten. Später, ab dem 12. Jh., entwickelte sich die Stadt um die Zitadelle und vergrösserte sich kontinuierlich. Die Befestigungen wurden entsprechend ausgebaut. Castello di Montebello entstand im 13. Jh. und wurde bald zu einem wichtigen Element der Befestigungsanlagen. Castello di Sasso Corbaro entstand um 1480 ebenfalls als Verteidigungsanlage, wurde aber baulich nicht in die Anlage integriert.

Unter den Visconti von Mailand, die sich zu Beginn des 15. Jh. gegen die von Norden einfallenden Eidgenossen wehren mussten, wurde Castelgrande umgebaut und die Häuser im Innern niedergelegt. Die Visconti errichteten vom Castelgrande ausgehend die «Murata», mit der Absicht, eine grosse militärische Talsperre zu bilden. Damit hatte die Entwicklung Bellinzonas vom Wehrbau mit Garnisonscharakter zur Anlage einer umfassenden Grenzfestung stattgefunden. Diese militärische Intention hat dem Befestigungsensemble von Bellinzona die heutige Gestalt gegeben und darin liegt auch seine herausragende Bedeutung: Das Ensemble von Bellinzona vereint die Funktionen der Verteidigung mit einem architektonischen Gestaltungswillen und fürstlicher Machtdemonstration.

Trotz diesem Ausbau ging die Herrschaft über Bellinzona im 16. Jh. an die Eidgenossen und die Befestigungsanlagen verloren an Bedeutung, wurden aber nicht aktiv zerstört. Um 1515 hingegen fiel ein Grossteil der «Murata» einem Hochwasser zum Opfer.

Castelgrande

Castelgrande ist eine von einer kreisartigen Ringmauer umgebene Anlage, die von drei inneren radialen Mauerzügen in Höfe unterteilt wird. Die meisten heute ersichtlichen Bauten datieren aus der Zeit zwischen 1250 und 1500 oder wurden erst im 19. und 20. Jh. errichtet. Die wesentlichen baulichen Elemente sind der Komplex Ridotto mit der Torre Bianca aus dem 13. Jh. Um ihn lag im 12. Jh. wohl der Bischofspalast, die früheste hier noch erhaltene Bausubstanz dürfte ins 10. Jh. zurückreichen. In der Mitte steht die viereckige Torre Nera, wohl aus dem 14. Jh. Der südliche Gebäudekomplex des Castelgrande entstand im 13. bis 15. Jh. in verschiedenen Etappen und wurde im 19. Jh. mit einem Zeughaus ergänzt. Es lassen sich am Castelgrande unterschiedliche Einrichtungen der Militärarchitektur erkennen, welche die möglichen Bedrohungsarten widerspiegeln. Beispielsweise kann das relativ schwache Mauerwerk überraschen; es genügte jedoch der speziellen Situation völlig: Nie hätten die Eidgenossen schweres Artilleriegeschütz über den Gotthard bringen können.

1982 bis 1992 wurde Castelgrande von dem Tessiner Architekten Aurelio Galfetti architektonisch umgestaltet. Der Südtrakt enthält heute Museumsräume, der Zeughausflügel wurde zum Restaurant umgebaut.

Castello di Montebello

Es entstand im ausgehenden 13. Jh. als Kernbau, um den später weitere Befestigungsanlagen gebaut wurden. Im 19. Jh. dem Verfall preisgegeben, wurde die Anlage ab 1903 restauriert, rote Ziegelschichten zeigen, welche Mauerteile wiederaufgebaut wurden. Die heute erlebbare Anlage umfasst im Innern die Kernanlage, die von einer mit Schwalbenschwanzzinnen bewehrten Mauer mit runden Ecktürmen umgeben ist. An der Ostseite liegt ein ebenfalls von einer Mauer mit Wehrgang befestigter Vorplatz. Bedingt durch die topografische Situation verfügt Castello di Montebello – im Gegensatz zu Castelgrande – auch über Grabenbefestigungen. Im Castello di Montebello ist heute das Museo Civico untergebracht. Der Umbau zum Museum erfolgte 1971–1974 von Mario Campi, Franco Pessina und Niki Piazzoli.

Castello di Sasso Corbaro

Es liegt als isolierter Gebäudekomplex auf dem höchsten Punkt des Felsrückens. Unter Umständen war der Platz schon im 14. Jh. befestigt, mit dem Bau der heutigen Anlage wurde um 1478 begonnen. Sie besteht aus einer nahezu quadratischen Hauptburg mit massivem, schwerem viergeschossigem Eckturm im Nordosten und einem zinnenbewehrten, schlankeren Turm im Südwesten. In der Hauptburg liegt an der Mauerinnenseite ein Wohntrakt. Im westlichen Vorbereich lassen Mauerreste einen Zwinger oder unvollendet gebliebenen Vorplatz erwarten. Sasso Corbaro wurde 1900 rekonstruiert und beherbergt heute das kantonale Volkskundemuseum. Der Umbau zum Museum erfolgte 1963/64 von Tita Carloni.

Stadtmauer

Die heute vorhandenen Stadtmauern scheinen auf derselben Linienführung wie zu ihrer Entstehungszeit im 13. Jh zu verlaufen. Es handelt sich um zwei Mauerlinien, welche die auf den Felsvorsprüngen gelegenen beiden Burgen Castelgrande und Montebello zu einer Befestigungsanlage verbinden. Ihre heutige Gestalt ist von den Bauten Ende des 15. Jh. bestimmt: Die Mauern wurden zu dieser Zeit erhöht und mit den Schwalbenschwanzzinnen bewehrt, ursprünglich existierten ingesamt 18 Türme und vor den Mauern lagen Gräben.

Murata

Die «Murata», errichtet von den Visconti um 1420, verlief westlich des Castelgrande bis zur gegenüberliegenden Bergflanke und sperrte damit das gesamte Tal. Die ursprüngliche «Murata» wurde Ende des 14. Jh. aufgrund ihres schlechten Zustands mit Doppelmauer und Innengang neu errichtet. Im Bereich des Ticino wurde die «Murata» im Jahr 1515 durch ein Hochwasser niedergerissen, weitere Teile wurden im 19. Jh. niedergelegt.

Grössere Teile der Befestigungsanlagen von Bellinzona wurden im 20. Jh. restauriert, umgebaut und der damaligen wissenschaftlichen Überzeugung gemäss rekonstruiert. Die Diskussion über die Bedeutung der Authentizität und originale Substanz der Anlage mag daher berechtigt erscheinen. Allerdings liegt der besondere Wert des Ensembles weniger in der historischen Substanz des Einzelobjekts als in der authentischen und originalen Struktur der bemerkenswerten Verteidigungsanlage des Spätmittelalters. Zudem erlaubt die sich heute darbietende Rekonstruktion ein ganzheitliches Erleben des Ensembles, das ohne die Sicherung und Rekonstruktion zu Beginn des 20. Jh. nicht möglich wäre. Zusammen mit dem jüngsten – äusserst qualitätvollen – architektonische Eingriff im Castelgrande ist die Stätte ein Zeuge einer historischen Kontinuität über mehrere tausend Jahre bis hin zur Moderne mit ihren unterschiedlich geprägten denkmalpflegerischen Massnahmen.

Zuletzt aktualisiert am: 01.12.2013

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