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La Chaux-de-Fonds/Le Locle, Stadtlandschaft Uhrenindustrie

Le Locle
Le Locle
© Aline Henchoz
Das Welterbekomitee der UNESCO hat am 27. Juni 2009 «La Chaux-de-Fonds/Le Locle, Stadtlandschaft Uhrenindustrie» in die Welterbeliste aufgenommen.

La Chaux-de-Fonds und Le Locle sind einzigartige, aussergewöhnliche Zeugen einer Stadtentwicklung, die sich über die gesamte Industrialisierung erstreckte und mit gezielter Planung eine enge Verbindung zwischen Uhrenunternehmen und Wohnstätten herstellte. Die auf 1000 m ü. M. gelegenen Dörfer wurden innert weniger Jahrzehnte zu Uhrmacherzentren und Uhrenindustriestädten von Weltrang. Mit ihren ganz spezifischen fachlichen Anforderungen prägte die Uhrmacherei im Verlauf des 19. und zu Beginn des 20. Jh. massgeblich eine Stadtplanung und Architektur, die sich stark auf die Entwicklungsbedürfnisse der Uhrenindustrie und der Uhrmacher ausrichtete. Aus den ehemaligen Dörfern, beide von verheerenden Bränden heimgesucht, entstand so ein wohl durchdachtes, rechtwinklig angelegtes System von urbanen Manufakturen, das den damaligen gesellschaftlichen und hygienischen Anforderungen entsprach und gleichzeitig die zur Uhrenherstellung nötige Rationalität, Effizienz und Wirtschaftlichkeit garantieren konnte. Dank ihrem einzigartigen Stadtbild verströmen die beiden Uhrenstädte noch heute die Geschäftigkeit und den Innovationsgeist jener Zeit, was sie zu Zeugen der Uhrmachergeschichte von globaler Bedeutung macht.
La Chaux-de-Fonds
La Chaux-de-Fonds
© Ville de La Chaux-de-Fonds, Benoit à la Guillaume

Es ist kein Zufall, dass die Uhrenindustrie in La Chaux-de-Fonds und Le Locle auf einen besonders fruchtbaren Boden fiel. Die sehr ähnlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, die Einbettung in die gleiche Umgebung und die geographische Nähe machen La-Chaux-de-Fonds und Le Locle zu Zwillingsstädten. Bereits im 18. Jh. entwickelte sich im Neuenburger Jura parallel zur vorherrschenden Landwirtschaft auch in bedeutendem Masse das Handwerk. Das Fehlen von Interessenverbänden, ein progressiver unternehmerischer Geist und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit begünstigten das Entstehen des vorindustriellen Uhrensektors, der sich dann rasch und mit beachtlicher Kraft zu einer Industrie von Weltformat entwickelte.

Table d'un graveur, Atelier AGSNeues Fenster
Table d'un graveur, Atelier AGS Table d'un graveur, Atelier AGS
© Aline Henchoz
Dank ihrer noch heute lebendigen Kulturtradition wurden die beiden Städte im 19. Jh. zu Weltzentren der Uhrmacherei, und noch immer wird ein bedeutender Teil des regionalen Mehrwerts von der traditionsreichen Uhrenindustrie und der ihr verwandten Bereiche, insbesondere der Mikrotechnik, erwirtschaftet. Dementsprechend sind die beiden Städte Zeugen der Industrialisierungsgeschichte in ihrer gesamten Spannweite: Sie erzählen von Bauern, die zu Handwerkern und dann zu Arbeitern, zu Händlern und schliesslich zu industriellen Kleinunternehmern und Patrons wurden.

Nebst der ausserordentlichen wirtschaftlichen und technologischen Vitalität, die dem Neuenburger Jura zu seinem Aufschwung verhalf, gilt es vor allem auch, das mit dem wirtschaftlichen Wachstum einhergehende soziale Bewusstsein zu erwähnen: Es konnte dank dem breit verankerten Ideal der individuellen Wertschätzung und dem nicht vorhandenen Klassendenken entstehen.

Aufkommen, Aufschwung und Glanz der Uhrenindustrie in La Chaux-de-Fonds und Le Locle sind denn auch nicht allein die Frucht der Tatkraft und Entschlossenheit einzelner Personen, sondern Ergebnis einer Kulturtradition, die heute wie einst massgeblich die Bevölkerung des Neuenburger Juras prägte und prägt.
Le Locle
Le Locle
© Aline Henchoz

Weder das raue Klima oder die Distanz zu wichtigen Verkehrswegen noch das Fehlen von Rohstoffen und unverzichtbaren Gütern konnte den Unternehmergeist der Einwohner von La Chaux-de-Fonds und Le Locle beeinträchtigen. Im Gegenteil, sie wussten verheerenden Ereignissen – Le Locle wurde 1833 und 1844 durch einen Brand zerstört, La Chaux-de-Fonds 1794 – etwas Gutes abzugewinnen, indem sie die beiden Städte neu gründeten.

Beim Wiederaufbau und bei der Neugestaltung richteten sich die Stadtbewohner nicht etwa nach dem früheren regionaltypischen Stadtbild, sondern nach Grundsätzen, mit denen sie ideal auf die Bedürfnisse der Uhrenindustrie eingehen konnten: Nüchternheit, Wirtschaftlichkeit, Anpassungsfähigkeit, Ordnung, Licht und sozialer Friede. Die Systematik der Pläne, deren Züge sich in der Endlosigkeit der Juraweiden verlieren, traf sich harmonisch mit den Bedürfnissen der Uhrenindustrie. Dank dieser pragmatischen Anpassungsfähigkeit vollzog sich bis in die 1930er Jahre eine starke Verflechtung zwischen Produktionsstrukturen, Wohnstätten und öffentlichen Einrichtungen und machte den so entstandenen urbanen Raum zu einer Art geschäftigem Bienenstock.

Beide Industriestädte erlebten den eindrücklichen Wandel der Uhrenherstellung hautnah und von allen Anfängen an, als die Uhrmacherei noch Wegbereiterin der Industrialisierung war, bis hinein in die heutige Zeit. Ständig ändernde Herstellungsmethoden – beginnend bei der einfachen Werkstatt in einer Privatwohnung bis hin zur von Tageslicht durchfluteten Fabrikhalle – verlangten urbanistische Lösungen, die dem Wirtschaftszweig erlaubten, sich zu wandeln und weiter zu entwickeln und sich trotzdem in harmonischer wie effizienter Weise ins Stadtbild einzufügen. Auch als sich die Städte auf Kosten des umliegenden Weidelands immer mehr über die sanften umliegenden Sonnenhänge ausdehnten und dabei den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend ausgebaut wurden, brauchten sie auch über Jahrzehnte hinweg das Prinzip des rechtwinkligen Grundrisses nicht in Frage zu stellen. Die Qualität, Authentizität und Unversehrtheit der beiden Städte, die so konsequent auf die technischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnisse der höchst aktiven Uhrenindustrie eingegangen sind, zeugen heute deshalb beispielhaft von einem bedeutenden Stück Industriegeschichte.

La Chaux-de-Fonds
La Chaux-de-Fonds
© Aline Henchoz

Diese Symbiose zwischen Stadtentwicklung und Uhrenindustrie geht dabei über die blosse Ansiedlung eines Industriezweigs hinaus. Die urbanistischen und architektonischen Anstrengungen zielten vielmehr auf die Weiterentwicklung der Uhrenindustrie, was sich schliesslich auch positiv auf den technologischen und gesellschaftlichen Wettbewerb auswirkte.

Für beide Nachbarstädte stand denn auch nicht allein die Produktion im Vordergrund. Ihr Augenmerk war immer auch auf technische und gesellschaftliche Erneuerung gerichtet, eine Tendenz, die bereits seit mehr als zweihundert Jahren anhält. Noch heute belegen die zwei Uhrenstädte des Neuenburger Juras einen bedeutenden Rang im Luxussegment. Im ständigen Streben nach Innovation gelang es ihnen schliesslich auch, ihre Aktivitäten auf verwandte Bereiche wie etwa die Mikrotechnik oder die Mikromechanik auszuweiten. Tradition und Wirtschaftsdynamik, Industriekultur und Risikobereitschaft prägten und prägen noch heute La Chaux-de-Fonds und Le Locle. Und dies stets in einem sozialen Konsens, der den Arbeitsfrieden zur Tradition erklärt hat.

Die Zwillingsstädte La Chaux-de-Fonds und Le Locle dokumentieren auf beispielhafte und einzigartige Weise, wie das aufsteigende Industriezeitalter einerseits um Vernunft, Strenge und Rationalität, aber auch um Hygiene und soziales Gleichgewicht bemüht war und wie es andererseits eine vollkommene Symbiose zwischen Urbanistik und Uhrenindustrie hervorbrachte. Die Fortsetzung der Industriekultur im Zeichen von Tradition und Innovation und die authentische Erhaltung und Bewahrung des Stadtbilds verdient Beachtung. In diesem Sinn ist die Stadtarchitektur der beiden Uhrmacherzentren ein aussergewöhnliches Erbe von universeller Bedeutung.


Zuletzt aktualisiert am: 01.12.2013

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