Bundesamt für Kultur BAK

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Illettrismus

Bekämpfung des Illettrismus

Illettrismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, das in industrialisierten Ländern zu beobachten ist und die Tatsache beschreibt, dass Erwachsene, welche die Sprache ihres Landes oder ihrer Region sprechen und die obligatorische Schulzeit (mindestens 9 Jahre) absolviert haben, die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen nur schlecht beherrschen. Illettrismus unterscheidet sich insofern vom Analphabetismus, als letzterer Personen betrifft, die nie eine Schule besucht haben und also nie die Gelegenheit gehabt haben, lesen, schreiben und rechnen zu lernen.

Die Ursachen des Illettrismus sind vielfältig und seine Wurzeln sind im familiären, schulischen, persönlichen und sozialen Umfeld zu suchen. Er wirkt sich individuell aus, z.B. in mangelndem Selbstvertrauen, Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags, eingeschränkter Berufswahl, aber auch gesellschaftlich, namentlich in der Verminderung des sozialen Zusammenhalts, dem Entstehen einer Zwei-Klassen-Gesellschaft oder der Beschränkung bei der Ausübung der staatsbürgerlichen Rechte.

Mit der Festlegung einer öffentlichen Politik zur Prävention und Bekämpfung des Illettrismus wird ein Beitrag zu mehr Freiheit und Gleichheit geleistet: Mehr Freiheit, weil es für alle möglich sein soll, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und aktiv an ihr teilzunehmen, mehr Gleichheit, weil alle die gleichen Chancen haben sollen, ein ganzes Leben lang zu lernen. Das Phänomen des Illettrismus ist komplex. Die Anstrengungen zur Prävention und Bekämpfung müssen sich deshalb auf den gesamten Bildungsbereich erstrecken und die Massnahmen der verschiedenen Instanzen müssen koordiniert werden.

Das BAK setzt sich für die Bekämpfung des Illettrismus ein

Die Bekämpfung des Illettrismus steht im Schnittpunkt sozialer, erziehungs- und bildungspolitischer sowie kultur- und sprachpolitischer Erwägungen. Um eine Zersplitterung der Massnahmen zur Prävention und Bekämpfung des Illettrismus zu vermeiden, müssen die verschiedenen betroffenen Akteure (öffentliche Institutionen und Nichtregierungsorganisationen) zusammenarbeiten und ihre Bestrebungen koordinieren.

Auf der Basis von Art. 15 KFG unterstützt das Bundesamt für Kultur Organisationen und Projekte im Bereich der Bekämpfung des Illettrismus.

Nächste Frist für die Einreichung von Gesuchen: 31. März 2013.

Ein kurzer Blick zurück

1999 wurde die Petition «Lesen und Schreiben: ein Recht!» eingereicht. Der Bundesrat beauftragte das Bundesamt für Kultur, der Petition Folge zu leisten. Der Bundesrat hat sich für einen kulturellen und demokratischen Weg zur Bekämpfung des Illettrismus entschieden: Der Zugang zur Schriftlichkeit ist in einer Demokratie von höchster Bedeutung. Alle sollen einen aktiven Platz in der Gesellschaft einnehmen können, ungeachtet der beruflichen und sozialen Situation. Es soll gewährleistet sein, dass alle auf eigenen Wunsch ihre Kompetenzen verbessern können: Die Weiterbildung soll nicht den Bestausgebildeten vorbehalten sein, insbesondere nicht in einer Zeit, in der die Spaltung der Gesellschaft ein erhebliches Risiko darstellt.

2002 erschien der Bericht «Illettrismus – Wenn Lesen ein Problem ist». Dieser Bericht war ein erster Schritt zu einem vertieften Verständnis des Phänomens. Die Autorinnen und Autoren der Studie empfahlen unter anderem die Schaffung eines Netzwerks der in der Prävention und Bekämpfung des Illettrismus tätigen Akteure, um einer Zersplitterung der verschiedenen Aktivitäten entgegenzuwirken.

2003 beauftragte das Bundesamt für Kultur die Pädagogische Hochschule Aarau mit der Ausarbeitung eines Berichts über die Schaffung eines Netzwerks zur Bekämpfung des Illettrismus. Dieser Bericht berücksichtigt die Bedürfnisse auf den verschiedenen Ebenen der Prävention und Bekämpfung des Illettrismus und zeigt die Vielfalt der bestehenden Aktivitäten sowie die Notwenigkeit eines Erfahrungsaustauschs. Aus diesem Mosaik verschiedener Voraussetzungen und Erfahrungen in der Praxis ist die Erkenntnis erwachsen, dass es nicht möglich ist, eine für die ganze Schweiz geltende übereinstimmende Politik zu verfolgen. Es ist sinnvoller, die Energien zu bündeln und die Akteure zusammenzubringen, um einen Austausch der Erfahrungen und Kompetenzen zu ermöglichen.

So sind die öffentlichen Entscheidungsträger innerhalb von fünf Jahren von der Kenntnisnahme des Illettrismus zu einem Willen zur Bekämpfung dieser als inakzeptabel betrachteten Situation gekommen.

Das BAK schafft ein Netzwerk zur Bekämpfung des Illettrismus
Die Ziele des Netzwerks für die kommenden drei Jahre wurden in enger Zusammenarbeit mit den interessierten Kreisen festgelegt:
  • Austausch von Erfahrungen und von Know-how
    Das erste Ziel des Netzwerks ist die Annäherung zwischen den in der Illettrismus-Prävention und den in der Illettrismus-Bekämpfung tätigen Akteure. Es gibt in der Praxis ausgezeichnete Initiativen zur Illettrismus-Prävention und auch zur Illettrismus-Bekämpfung, jedoch bestehen nur wenige Kontakte zwischen den beiden Bereichen. Eine der Aufgaben des Netzwerks besteht darin, diese Projekte genauer kennen zu lernen, sie zu prüfen, weitere Organisationen zu deren Übernahme anzuregen oder sie sogar generell einzuführen. Zu diesem Zweck wurde das Internetportal www.lesenlireleggere.ch errichtet und ein alljährlich stattfindendes interdisziplinäres Kolloquium zu einem von den interessierten Kreisen festgelegten Thema geplant. Das erste Kolloquium fand am 1. Juni 2005 statt.
  • Verbesserung der Leistungen für die von Illettrismus Betroffenen
    Die allgemein zunehmende Besorgnis über schulische Misserfolge hat dazu geführt, dass sich auch die Medien der Frage des Illettrismus angenommen haben. Sie haben dadurch eine regelmässig von neuen quantitativen Schätzungen genährte Debatte in Gang gebracht. Durch diese Sensibilisierung der Öffentlichkeit hat die Nachfrage nach Kursen zugenommen, was zur Folge hat, dass mehr Ausbildende gebraucht werden. Im gleichen Masse, wie sich diese Aktivitäten entwickeln, wird es auch nötig, das Leistungsangebot für die Lernenden und die Lehrenden zu verbessern.
    Das zweite Ziel dieses Netzwerks ist die verbesserte Qualität der Ausbildungssysteme im Bereich des Illettrismus und die gesicherte Anerkennung dieser Ausbildungen. So konnte unter Berücksichtigung der bestehenden Angebote eine in Module aufgeteilte und gesamtschweizerisch anerkannte Ausbildung für Ausbildende entstehen. Im Bereich der Grundausbildung sollte das gesamte in der Schweiz bestehende Kursangebot erfasst und ein Projekt für die gesamtschweizerische Anerkennung erarbeitet werden. Dadurch sollte geklärt werden, ob die Bedürfnisse im Bereich der Illettrismus-Bekämpfung in der Schweiz gleichmässig abgedeckt sind und ob das Kursangebot und die finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand gewährleistet sind. Bei Handlungsbedarf könnte hier etwas unternommen werden.

Zuletzt aktualisiert am: 06.02.2013

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