Traditionelle Bewässerung in Europa: Wissen, Technik und Organisation*

Kategorien: Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum, traditionelles Kunsthandwerk, mündliche Traditionen und Ausdrucksformen, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste

Staaten: Österreich, Belgien, Deutschland, Italien, Luxemburg, Niederlande und Schweiz

*Dossier bei der UNESCO eingereicht, Prüfungsverfahren läuft

Traditionnelle Bewässerung in den Oberwalliser Sonnenbergen im Wallis
Traditionnelle Bewässerung in den Oberwalliser Sonnenbergen im Wallis
© SL-FP

Bei der traditionellen Bewässerung handelt es sich um eine landwirtschaftliche Bewässerungsart, die ein optimales Wachstum der Kulturpflanzen anstrebt. Sie beruht auf dem strategischen Einsatz der Schwerkraft und manuell angelegter Konstruktionen wie Kanäle und Gräben, um Wasser aus natürlichen Wassereinzugsgebieten (Quellen, Bäche, Gletscher usw.) näher an die Felder zu leiten. Auf der Grundlage verschiedener Faktoren werden bestimmte Tage und Zeiträume ausgewählt, um das Wasser aus den Kanälen manuell zu den Feldern zu leiten, indem die Praktizierenden kleine, vorübergehende Gräben ausheben oder das Wasser aufstauen und einen künstlichen Überlauf zur Überflutung der Felder schaffen. Um diese Methode effizient anwenden zu können, ist jedoch ein tiefes Verständnis der natürlichen Landschaft, des Wasserflusses und der Wetterbedingungen erforderlich sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen den für die Verteilung des Wassers Verantwortlichen (häufig Landwirtinnen und -wirte, Landbesitzerinnen und -besitzer, Freiwillige usw.) und anderen, die an der Aufrechterhaltung der sozialen oder physischen Struktur der Praxis beteiligt sind (Wassergenossenschaften, Freiwillige, lokale Behörden, Verbände usw.).
Diese Form der Bewässerung dient hauptsächlich der Befeuchtung, Düngung oder dem Aufbau des Bodens und sichert, steigert und verbessert dabei den Ertrag und die Qualität der Ernte. Sowohl die Fertigkeiten, die zur Ausübung der traditionellen Bewässerung erforderlich sind, als auch die entsprechenden vielfältigen und komplexen Bewässerungssysteme und -geräte selbst sind weitgehend von der natürlichen Umgebung abhängig. Sie können nur in Kombination mit den entsprechenden Kenntnissen und Richtlinien funktionieren, die über Generationen hinweg mündlich und schriftlich weitergegeben wurden. Um die Verteilung der Aufgaben und des Wassers über das Jahr hinweg zu erleichtern, haben die Trägerinnen und Träger und Praktikerinnen und Praktiker schriftliche Regelsysteme entwickelt. Diese Regeln, die in verschiedenen Gegenden als „Road/Rods“, Wasserbriefe, Kehrordnungen oder Wasserregister bekannt sind, enthalten Richtlinien, die für jedes Gebiet angepasst wurden. Diese komplexe Praxis kann nur durch eine enge Zusammenarbeit und den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen allen Beteiligten (Landwirtinnen und -wirtene, Freiwillige, Institutionen, Verbände) bei allen Aufgaben wie der Instandhaltung der Wasserwege, der Planung des Bewässerungsplans, der Aufteilung der Wassermenge usw. funktionieren.
Traditionelle Bewässerungsmethoden können sowohl im Flachland als auch in bergigem Gelände angewendet werden. Obwohl sie sich ähneln, ist die Praxis an die natürlichen Gegebenheiten des jeweiligen Gebiets angepasst worden. Dementsprechend sind unterschiedliche handwerkliche Fähigkeiten erforderlich, z. B. Kenntnisse in der Holzbearbeitung für den Bau von Wasserrädern oder Kenntnisse im Schmieden von Wassereisen. Die traditionelle Bewässerung stellt eine gemeinschaftsbasierte, nachhaltige, anpassungsfähige, energieunabhängige und auf die biologische Vielfalt ausgerichtete Lösung für die Wasserversorgung in der Landwirtschaft dar, die sowohl für die Praktiker selbst als auch für die grösseren Gemeinschaften von Menschen, die mit ihr zusammenarbeiten oder von ihren Auswirkungen auf die Umwelt profitieren, von grosser Bedeutung ist.

Die multinationale Bewerbung Traditionelle Bewässerung in Europa: Wissen, Technik und Organisation wird von Österreich koordiniert und umfasst sieben Länder, darunter die Schweiz. Die Bewerbung zielt darauf ab, traditionelle Bewässerungs- und Wassermanagementmodelle aufzuwerten, insbesondere durch Geteilschaften, historische Genossenschaften, die ein Gemeingut auf lokale und partizipative Weise verwalten.

In der Schweiz sind die Wässermatten im Oberaargau in den Kantonen Bern und Luzern sowie die Suonengeteilschaften im Wallis (Oberwalliser Sonnenberge, Geteilschaften von Ayent, Lens, Trient, Nendaz und Grächen) mit dem Projekt verbunden.

Der Entrag wurde am 30. März 2022 eingereicht.

Links

Die detaillierte Beschreibung der Tradition in der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz

Verwandte Tradition 

Parallel zur Entwicklung der Kandidatur für die UNESCO sind die entsprechenden Dossiers und Einträge in der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz regelmässig aktualisiert. Diese Aktualisierung erfolgt in Zusammenarbeit mit den betreffenden Traditionsträgerinnen und Traditionsträgern.

Letzte Änderung 26.04.2022

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